Dorfbelebungen im Freilandmuseum Neusath-Perschen

Das Klischée

Bauern im Mittelalter waren meist unfrei und ihren Herren auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, führten ein hartes, freudloses Leben, wurden von Rittern ausgebeutet und unterdrückt. Sie waren grobe Menschen, die sich nicht wuschen, in Lumpen gehüllt und barfuß herumliefen, da Kleidung und Schuhe für sie zu teuer waren. Und wenn sie Kleidung trugen, dann nur in braun oder grau, weil das Tragen anderer Farben ihnen bei Strafe verboten war.

 Stimmt das wirklich?

Wenn heute nach dem Mittelater gefragt, denken die meisten Menschen sofort an Ritter, Burgen, vielleicht an Kirchenleute, Philospohen, Erfinder, erstarkende Städte und berühmte Handelshäuser, Kriege und Schlachten. Dabei wird aber ein ganz wesentlicher Teil der mittelalterlichen Gesellschaft vergessen - die Landbevölkerung, die je nach Region und Zeit zw. 80 und 90% der Bevölkerung bildete und, etwas vereinfacht gesagt, für den Erfolg der zunächst genannten Personengruppen "verantwortlich" war, da sie zum großen Teil die gesamte Gesellschaft mit Nahrungsmitteln versorgte.

Um diese Bevölkerungsgruppe und ihren Alltag nun etwas aus dem Nebel der Klischées und mehr in den Blick von Museumsbesuchern zu holen, haben wir, nach eingehender Recherche in Museen, Archiven und Sekundärliteratur, in Zusammenarbeit mit dem Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen, die jährlich stattfindende "Dorfbelebung" ins Leben gerufen.

Konzept und Zweck der Veranstaltung

Wir wollen nun versuchen, in Zusammenarbeit mit dem Oberpfälzer Freilandmuseum, den Besuchern der Veranstaltung das Leben auf dem Land im ausgehenden Mittelalter plastisch vor Augen führen und einige Aspekte des Lebens darstellen und erklären. Wie sah die Kleidung der Leute damals aus und wie wurde sie hergestellt? War sie, trotz aller Fremdartigkeit für heutige Betrachter, alltagstauglich? Was wurde vom "einfachen Volk" gegessen? Welche Tätigkeiten hat man in Zeiten, in denen keine Feldarbeit zu leisten war, ausgeübt? Diese und andere Fragen wollen wir mit unserer Darstellung etwas beleuchten. Dabei präsentieren wir nicht nur die Tätigkeiten des Monats, in dem die Hofbelebung stattfindet, sondern zeigen einen Querschnitt durch die im Dorf über das Jahr ausgeführte Tätigkeiten.

Natürlich soll diese "Hofbelebung" nicht nur eine reine Vorführung sein: wir wollen selbst einige Dinge ausprobieren, um Techniken und Vorgänge besser verstehen und auch erklären zu können. Und auch die Besucher sind nicht nur als reine Zuschauer eingeladen, sie können Fragen stellen, Gegenstände anfassen und einiges selbst ausprobieren. Damit möchten wir bei den Besuchern, und natürlich auch bei uns, das Verständnis für die spätmittelalterliche Dorfbevölkerung etwas verbessern und diese auch etwas mehr in das Licht der lebendigen Geschichtsdarstellung rücken. Und selbstverständlich ist eine große Portion Spaß für uns dabei.

Um nicht jedes Jahr das Gleiche zu zeigen, versuchen wir, neben einigen festen Programmpunkten, wie der Kornernte mit der Sichel, der Woll- und Flachsbearbeitung und dem Färben von Stoff, für jedes Jahr einen Focus zu finden, den wir genauer darstellen, z.B. war dies 2010 die Herstellung und Zubereitung von Lebensmitteln. So haben wir, neben dem "normalen" Kochen Senf, Butter, Sahne, Wurst, Käse, Brot und Kuchen selbst hergestellt und im Holzbackofen gebacken.

 Mehr Informationen zu der nächsten Veranstaltung, und weitere Bilder, finden Sie auf der Webseite zur Veranstaltung www.historische-dorfbelebung.de

Literatur zum Thema "Bauern im Mittelalter":

  • Bäuerliches Leben im Mittelalter. Schriftquellen und Bildzeugnisse, Siegfried Epperlein Böhlau Verlag/Köln 2003.
  • Bauern im Mittelalter, Werner Rösener München 1985.
  • Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Marie Collins & Virginia Davis

Passend zum Jahresmotto im Oberpfälzer Freilandmuseum haben wir dieses Jahr unser bäuerliches Konzept etwas angepaßt und - mehr als sonst - dezidiert Handwerk vorgeführt. Daneben blieb aber trotzdem etwas Zeit für Alltag und Bäuerliches.

Dieses Jahr haben wir vei unserer Dorfbelebung etwas Neues probiert und für uns, eingeladene Darsteller und Besucher des Museums ein Dorffest veranstaltet. An den ersten beiden Tagen zeigten wir, wie ein Dorffest vorbereitet wurde: es wurden Pasteten im Holzofen gebacken, Strohgirlanden geflochten und mit bunten Stoffbändern verzieht, Blumenkränze geflochten, der Schießstand und weitere Spiele und Turniere vorbereitet.

Die Dofbelebung 2010 fand früher als sonst statt, daher war das Getreide noch nicht reif zur Ernte. Unser Schwerpunkt wurde, neben anderer dörflicher Handwerke und Tätigkeiten, die Herstellung von Lebensmitteln, soweit autark im Rahmen eines Dorfes, wie es ging. Aus der lokal beim Bauern gekauften Milch haben wir dann Butter, Sahne und Käse gemacht, dazu Würste und Senf hergestellt und im Holzbackofen Semmeln, Beerenkuchen (mit der o.g. Sahne und im Museum gesammelten Beeren), Teigfladen mit Sahne und Kräutern aus dem Garten, und schließlich Schweinebraten gebacken.

Bei unserer zweiten Hofbelebung, die bei besserem Wetter stattfand und so viele Besucher anlockte, hatten wir, neben anderer Tätigkeiten wie "Blaumachen" von Stoff, Woll- und Flachsbearbeitung, 2 Schwerpunkte: die Kornernte und Freizeit mit Spielen und Tanz. Für die Veranstaltung konnten wir Christian Hadersdorfer gewinnen, der uns am Sonntag zum Tanz aufgespielt hat - danke Hardy :-)

Hier die Bilder von unser ersten Hofbelebung im Paulerverl im Freilandmuseum Neusath Perschen - mit einer relativ kleinen Besetzung und noch ohne ein Oberthema, aber schon mit einigen typisch bäuerlichen Tätigkeiten wie der Ernte mit der Sichel, die wir ausprobieren und vorführen konnten - denn trotz des schlechten Wetters kamen Besucher zu uns.